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 Abschied (von Iskir)

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Abschied (von Iskir) Empty
BeitragThema: Abschied (von Iskir)   Abschied (von Iskir) Icon_minitimeSa Sep 27, 2008 12:54 am

Das Branden der Wellen an den schmalen, felsigen Strand und das gelegentliche Kreischen einer vorbeifliegenden Möwe hatten sich zu einer Melodie verwoben, die Aylissas Gedanken untermalte, sacht umspielte und in mit dem drehenden Wind wechselnde Richtungen dirigierte. Am Rande ihres Sichtfeldes wölbte sich der ferne Horizont, hinter ihr erhoben sich die letzten Ausläufer Erethors. Der Himmel und der Ozean waren so ungeheuer weit, füllten Aylissas gesamte Wahrnehmung, machten sie bisweilen schauern in ihrer Unendlichkeit.
Sie hatte das Meer vor zwei Tagen erreicht, es aber noch nicht fertig gebracht, das zu tun, was sie an die Küste geführt hatte. Still betrachtete sie das Meer, Stunde um Stunde, den Rücken an einen der krummen Windflüchter oberhalb der Steilküste gelehnt, die Augen halb geschlossen und das Haar vom Meereswind zerzaust. Unter ihr warfen sich die Wellen unermüdlich gegen die Klippe, mal mit donnernder Gewalt, mal unter fast zärtlichem, leisen Rauschen.
Aylissa wusste nicht, ob Iskir jemals den Ozean gesehen hatte, aber sie spürte, dass dies der richtige Ort war. Ein Ort, der weit wilder und grausamer als die Pellurische See war und dem dennoch eine ergreifende Schönheit innewohnte; ein Ort, der frei von den Ketten des Schattens war, ungezähmt selbst vom einzigen Gott, der noch Gewalt über die Welt besaß. Jede Welle, die auf den Strand traf, war voller Stolz, trug einen Hauch von Freiheit mit sich. Vielleicht kamen sie von einer fernen Küste, irgendwo jenseits des Horizonts, aus einem Land, das Eredanes Schicksal nicht geteilt hatte.
Von einem Zustand halb entrückten Wachens glitt Aylissa hinüber in den Schlaf, und wenn sie am nächsten Morgen die Augen wieder öffnete, richtete ihr Blick sich stets als erstes auf das Meer, vergeblich Halt suchend in seiner grenzenlosen Weite. Neben ihr stand die hölzerne Schatulle, in der sie Iskirs Asche transportierte, und eine von Aylissas Händen ruhte stets sacht auf ihrem Deckel. Bisweilen meinte sie, etwas Warmes aus dem Inneren der Schatulle zu fühlen, aber sobald der nächste kühle Windhauch über ihre Haut strich, verschwand das Gefühl und ließ nur jene Kälte zurück, die sich immer dann um ihr Herz krampfte, wenn sie sich bewusst machte, was sich im Inneren des Kästchens befand, dass es alles war, was von Iskir geblieben war.
Aylissa hatte kein zweites Mal so unkontrolliert geweint wie an jenem Abend, an dem sie an Armarns Seite zugesehen hatten, wie Iskirs Körper eins mit den Flammen wurde. Ihre Tränen waren stumm, unfähig, ein weiteres Mal nach außen zu dringen, aber innerlich fraßen sie sich wie Säure in ihr Herz. Allein der Gedanke an einen der vielen Momente, die sie mit Iskir verbracht hatte, jagte Schmerzen durch ihren Körper, die alles übertrafen, was sie jemals an physischen Verletzungen erlitten hatte.
Der Ozean bettete ihren leidenden Geist in den Armen seiner Grenzenlosigkeit, gab ihrem Blick Ruhe in der Haltlosigkeit, ließ an ihrer Stelle ihre ungeweinten Tränen sanft den Strand benetzen.

*

In der Morgendämmerung des vierten Tages seit ihrer Ankunft trat Aylissa an den Rand der Klippe, die Schatulle im Griff ihrer bebenden Hände. Dichter Nebel lag über der Küste, verbarg den Horizont unter seinem undurchsichtigen Schleier und ließ auch die Silhouetten der mächtigen Bäume Erethors zu fernen, realitätslosen Schemen am Rande von Aylissas Wahrnehmung werden.
Aylissa löste zaghaft eine Hand von dem Kästchen, um sie, begleitet von einigen mit schwacher, zittriger Stimme gesprochenen Worten, einige kurze Gesten vollführen zu lassen. Dann trat sie einen weiteren Schritt nach vorn, fühlte den Boden unter ihren Füßen nicht mehr und ging dennoch weiter, höher hinauf, fort von der Küste, bis sich unter ihr nur noch Wasser befand und sie die Klippe gerade noch hinter dem Nebel erahnen konnte.
Eine Weile verharrte sie regungslos in der Luft, dann öffnete sie vorsichtig den Deckel der Schatulle. "Sei frei. Sei --", sie stockte, unfähig, die feierlichen Worte, die sie eigentlich hatte sprechen wollen, zuende zu bringen. Machtlos starrte sie auf die Asche im Inneren des Kästchens.
„Ich will dich nicht gehen lassen", flüsterte sie statt dessen und berührte die Schatulle zärtlich mit ihren Lippen, bevor sie die Hände öffnete.
Im Fall drehte sich die Schatulle, der Wind durchwirbelte ihr Inneres, jagte die Asche hinaus und begleitete sie ein Stück ihres Weges hinab zum Wasser. Schließlich vereinigte sie sich mit den Wellen, deren Rauschen seltsam fern an Aylissas Ohren drang. Worte, unzureichende Abbilder ihrer Gedanken, versuchten, sich den Weg über ihre Lippen zu bahnen, an die Oberfläche gepresst durch die erdrückende Stille und Leere, die von Aylissa Besitz ergriffen hatte. Sie schwieg.

*

Auf dem höchsten Punkt der Steilküste, von wo aus man an klaren Tagen weit über das Meer blicken konnte, schichtete Aylissa einige vom Meer rund und flach geschliffene Steine zu einer niedrigen Pyramide auf. Iskirs Schwert steckte sie mit dem Heft nach oben in einen bis zum Boden durchgehenden Spalt, den sie zwischen den einzelnen Steinen frei gelassen hatte.
Ein Grab, an einem Ort, den vielleicht nie jemand finden würde, aber dennoch ein Grab, das niemals in Vergessenheit geraten würde, solange sie lebte.

Als Aylissa der Küste schließlich den Rücken kehrte, lag eine feine Schicht frischen Neuschnees auf dem Grab und tauchte es in ein seidiges Weiß. Einer der Steine, gut erkennbar, wenn man sich der Steinpyramide näherte, trug eine Inschrift, die trotz des Schnees noch gut lesbar war.

Iskir
Der Schnee singt für dich
In meinem Herzen
Trage ich alle Noten
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